Wertperspektive

Vom Falschgeldsystem zu echten Werten

Eine andere Wirklichkeit

Bild GLRVon GLR | 14.10.2017 12:00

Mir wird jetzt wieder der Suchtcharakter des Internet-Surfens bewußt. Und zwar vor allem dann, wenn ich morgens hinaus in die freie Natur komme. Das Joggen vertreibt bei mir am besten eine noch an mir hängende Müdigkeit und Trägheit. Die Sinne beginnen sich zu öffnen. Eindrücke wie die aufgehende Sonne mit ihrem sich von rot zu orange und weiß färbendem Licht, das die an den Gräsern hängenden Tautropfen aufleuchten läßt, das Rauschen des Verkehrs in weiter Entfernung, die Frische der Morgenluft mit ihrem würzigen, Anklänge von geschnittenem Gras oder frisch gemähtem Getreide transportierenden Aroma, das Durchpusten der Lunge, das Ankurbeln des Blutkreislaufs, das Öffnen der Hautporen und das Schwitzen, die Freude an der Bewegung und an den ständig wechselnen visuellen Eindrücken der Laufstrecke — all das bietet eine Reichhaltigkeit von Erfahrungen, mit der verglichen das Sitzen am Computer, das Starren auf den Bildschirm und das Tippen auf der Tastatur nicht einmal annähernd so interessant und anregend sein kann. Denn dabei spielt sich alles nur im Kopf, in Gedanken, in der Einbildung ab, und zumeist, was viel schlimmer ist, in weitgehender Ablenkung und Selbstvergessenheit. Von einigen neuen Informationen abgesehen, die man womöglich mit viel Glück irgendwo entdecken kann, ist der Rest völlig banal, ja wertlos.

Beginnend mit den Anfängen meiner Interneterfahrung in der Mitte der 1990er hatte ich versucht, das, was ich vorher erlebt und verstanden hatte, auch dort beizutragen. Der Unterschied zwischen dem Alltagsdenken und dieser "Nische" war mir damals immer völlig bewußt gewesen, weil ich ihn schon mindestens 15 Jahre lang ständig erlebt hatte. Ich hatte damals immer gewußt, daß es nur einen kleinen Kreis von Interessenten am Wissen dieser Nische geben würde und daß sich das auch nie ändern würde. Das Internet war für mich nur eine weitere Möglichkeit zur Herstellung von Kontakten gewesen, so wie vorher die kostspieligen Zeitungsannoncen, die ich aufgab, um Interessenten anzusprechen.

Jedoch hat sich in den letzten Jahren das Internet zu einer mächtigen Medienwelt entwickelt, nicht nur als Übertragung der gesamten Publikationsmacht der bisherigen Kanäle auf dieses neue Medium, sondern noch weiter verstärkt durch neue Ergänzungen und Technologien. Das Mainstream-Internet ist zu einer gigantischen neuen Manifestation der bisherigen Unterhaltungsindustrie geworden und entwickelt sich in dieser Richtung immer weiter. Es vereinnahmt alles an Neuerungen, was täglich zur Verfügung steht.

Damit ist aber auch klar, daß der Bewußtseinsgrad, der hier angesprochen und vorausgesetzt wird, immer derselbe bleiben wird. Man könnte auch sagen: Er sinkt weiter stetig ab, weil die Möglichkeiten, die Aufmerksamkeit der Konsumenten zu fesseln, ständig verbessert und intensiviert werden. Daher dieser starke Sog. Der Verstand ist nur noch ein Kopiergerät für die gesendeten Inhalte. Man schüttet aus einer vom System (ich nenne das einmal so pauschal) stammenden Quelle alles, was ideologisch als Scheinwirklichkeit vorgegeben ist, in die Gehirne. Dazu gehören dann auch sämtliche erwarteten Verhaltensmuster, Gefühle und Motivationen. Der empfangende Mensch ist nur noch ein von außen programmierter Roboter, der nicht einmal für Sekunden auf die Idee kommt, anders zu fühlen und zu leben, als man ihm per Voreinstellung eingespeist hat.

Sobald ich auf das reine, willkürliche Internet-Surfen als Beschäftigung und Zeitvertreib verfalle, lande ich wieder in genau derselben Welt, die ich vorher verabschiedet hatte und von der ich immer wußte, daß sie mir nichts an wesentlichen Aufschlüssen zu geben imstande ist. (Die Möglichkeit, über alltägliche Lebenserfahrungen Aufschlüsse zu gewinnen, kommt nur aus einer bestimmten Verständnisebene, und wenn diese fehlt, kann man so viele Erfahrungen machen, wie es nur gibt, und doch hat man nichts davon.)

Daraus folgt: Die Situation ist im Kern genau dieselbe wie vor der Erfindung und Benutzung des Internets. Das Medium ist und bleibt nur ein Medium. Entscheidend ist, wer es benutzt, und noch entscheidender: wozu er es benutzt. Das bedeutet wiederum: Es kann niemand interessiert werden, der nicht schon vorher interessiert ist. Die Frage ist: Woran ist er interessiert? Daher: Auch ein noch so geniales, umfassendes und in seinen Mitteilungsmöglichkeiten perfektes Medium vermag kein Interesse hervorzurufen, wenn nicht dieses Interesse bereits vorher vorhanden ist. Es verhält sich sogar umgekehrt: Je perfekter das Medium als solches ist, unabhängig von einer bestimmten damit transportierten Botschaft, umso mehr wird es zum Konkurrenten dieser Botschaft, nicht zu ihrem Assistenten.

Die wirklich interessanten — für mich wirklich interessanten — Inhalte gehen in der Flut der Eindrücke, die moderne Kanäle vermitteln, völlig unter. (Das läßt sich besonders anschaulich an der Art erkennen, wie der heutige Smartphone-Benutzer durch diese Technik dazu verleitet wird, innerlich komplett "wegzutreten".) So wie man heute auf der Straße Leuten Goldmünzen anbieten könnte, und sie würden sie nicht einmal mehr geschenkt haben wollen. Mit anderen Worten: Gold wird in dieser Massengesellschaft, bei der zunehmenden Degradierung der Massengehirne zu Kopiergeräten, immer wertloser. Die Analogie auf meine Aussage angewandt: Wahrheit (bzw. Selbsterkenntnis) wird in dieser Massengesellschaft, bei der zunehmenden Degradierung der Massengehirne zu Kopiergeräten, immer wertloser, immer bedeutungsloser, immer uninteressanter. Die Modernisierung erweist sich nicht als Hilfe, sondern als Gefahr.

Die Welt der wirklichen Eindrücke, deren Wert ich (anscheinend durch Bewegung hin zur Quelle, während die Gesellschaft sich stromabwärts treiben läßt) in diesen Tagen neu entdecken und wieder ganz neu zu schätzen lerne, ist die vortechnische, vormoderne Welt: die Welt der einfachen Dinge, die immer schon da waren, die keinen "Provider", keinen Strom, keinen Anschluß benötigen. In dieser einfachen Welt ist die Wahrheit und die wahre Selbsterkenntnis genauso einfach und direkt wie ein Stein am Wegesrand, ein Grashalm auf der Wiese oder ein Vogel am Himmel. Währenddessen fährt der moderne Massenmensch mit seinem Auto mit hundert Stundenkilometern an alledem vorbei, bekämpft zuhause seine Langeweile und die Angst vor der inneren Leere mit dem Fernsehen und bezieht die allerneusten mentalen Muster aus dem Computer bzw. Smartphone.

Ja, das hier liest man ebenfalls am Computer oder Smartphone, aber es kommt aus einer anderen Welt, und es wird dort auch bleiben.

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