Wertperspektive

Vom Falschgeldsystem zu echten Werten

Man kann aus allem etwas lernen

Bild GLRVon GLR | 1.10.2017 6:20

Wenn die innere Einstellung stimmt, kann man aus allem etwas lernen. Ein gutes Beispiel ist die vielgescholtene Politik. Von der man in letzter Zeit vielerorts gehört und gelesen hat, was für ein schmutziges Geschäft sie sei. "Sinnlos", "von oben gesteuert", "man kann sowieso nichts machen", "alle Politiker sind Betrüger", "Wenn Wählen etwas ändern würde, wäre es schon längst verboten" — und wie die zahlreichen Einwände auch lauten.

Gestern traf ich meinen Bekannten, der als AfD-Bezirksvorsitzender seit Monaten viel Kraft und Herzblut in den Bundestagswahlkampf gesteckt hat. Zwischenzeitlich war er ziemlich entmutigt gewesen. Das Ganze bringe nichts, der Bewußtseinsstand der Bevölkerung sei aussichtslos, dagegen lasse sich nichts ausrichten. Das Aufhängen der vielen Wahlplakate sei er allmählich leid, aber nun habe er einmal damit angefangen und werde es auch noch bis zum Schluß durchführen.

Etwa eine Woche vor dem Wahltag ein erster Lichtblick: Er habe eine sehr erfolgreiche Veranstaltung durchgeführt. Viele hundert Leute seien gekommen. Die Resonanz nehme unverkennbar zu. Es bestehe großes Interesse an den von der Partei aufgebrachten Themen, insbesondere hinsichtlich der von den allermeisten als problematisch empfundenen Zuwanderung. Eine beachtliche Wählermenge wende sich von der CSU ab und der AfD zu.

Ich sah ihn dann gestern und sprach ihn sofort auf den Erfolg an. In seinem Wahlkreis hat die AfD beträchtliche Zugewinne erzielt und ist zweitstärkste Partei geworden. "Da können Sie sich doch freuen", meinte ich, "die viele Arbeit, die Sie sich gemacht haben, ist also doch nicht umsonst gewesen."

Während wir uns noch unterhielten, kam sein Freund mit dem Wagen vorgefahren und stieg aus. "Da kommt gerade der Richtige", meinte mein Bekannter. "Der kennt sich in Politik voll aus." Ich brauchte ein paar Minuten, um zu verstehen, wie das gemeint war. Es kam zu einer heftigen, zu dritt geführten Diskussion mit diesem Freund, einem mir sehr sympathischen und freundlichen Menschen. Er sei vielfältigst informiert: Klimawandel, Rußland, Asylsuchende und vieles mehr. "Asylsuchende?" entgegnete ich. Das seien keine Asylsuchenden, sondern Einwanderer, die hier angesiedelt werden sollen. Ob er nicht das entsprechende Programm der EU-Kommission kenne? Das könne er im Internet recherchieren. Ich fragte ihn, mit welchen Medien er sich denn so informiere. Mein Bekannter winkte belustigt ab. Indessen zeigte mir der andere begeistert auf seinem Smartphone: Spiegel, Süddeutsche, Tagesschau usw., ja, aber auch "die Rechten": Russia Today, Politico, chinesische Nachrichten. "Das ganze Spektrum." Meereshöhenanstieg, sehr bedrohlich. Warum dann Venedig immer noch nicht im Wasser stehe, fragte ich. Temperaturanstieg auf dem Planeten, längst bestätigt. Ob er sich schon einmal die Temperaturmeßwerte der ältesten deutschen Station auf dem Hohenpeißenberg, seit dem 17. Jahrhundert akribisch verzeichnet, angesehen habe, meine Rückfrage.

Nach wenigen Minuten merkte ich, daß weiteres Reden zwecklos war. Als mein Bekannter vortrug, er habe noch vor ein paar Tagen bei der hiesigen lokalen Zeitung auf Bitten eines Parteifreunds eine Dankesanzeige der AfD an ihre Wähler inserieren lassen und auch die freundliche Bestätigung der Redaktion, einschließlich Abrechnung, erhalten, nur sei die Anzeige im heutigen Blatt leider nicht erschienen (wie von ihm bereits vermutet, nur hätten ihm seinen Parteifreunde nicht glauben wollen), begann sein Kamerad auch dies zu rechtfertigen. Nun war der Punkt erreicht, wo ich genug hatte, und ich begann mich zu entfernen. Demokratische Grundrechte, Meinungsfreiheit — mir sei egal, welche politische Richtung einer vertrete, von mir aus links oder was auch immer, aber wer auch das als obsolet hinstelle, wiederhole dasselbe, was in Deutschland unter den Nazis passiert sei, und dafür fehle mir nun wirklich jedes Verständnis.

Später erzählte mir mein Bekannter, was er in den letzten Wochen für Erfahrungen habe sammeln und welche Aufschlüsse er habe gewinnen können. Diskutieren laufe nicht darauf hinaus, daß Leute ihre Meinung änderten, aber etwas anderes könne man lernen: Im richtigen Moment still zu sein, die Menschen in Ruhe zu lassen — wer etwas Neues wissen wolle, komme von selbst auf einen zu. Man könne nur anbieten, aber nichts erzwingen. Jedenfalls lerne man die Menschen viel besser kennen, und auch sich selbst. Früher sei er sofort aufgebraust und hätte sich mit Vehemenz in Streitigkeiten hineinziehen lassen. Durch die vielen Begegnungen und Austausche der letzten Wochen, sowohl mit Parteifreunden als auch mit jeglicher Art von Menschen aus der Bevölkerung, sei er gelassener geworden. Er wisse, was er wisse, und er müsse das nicht mehr überall verteidigen und brauche nicht mehr zu versuchen, andere davon zu überzeugen.

Für mich war allein schon die Auseinandersetzung mit seinem Besucher äußerst aufschlußreich. Ich sah, daß der Mann gar nicht anders konnte, weil er einfach in der Welt, die er sich durch seinen Medienkonsum geschaffen hatte, gefangen war. Er glaubte das, und es bestand für ihn kein Anlaß, aufgrund meiner bzw. unserer Aussagen daran zu zweifeln. Tatsachen waren hier eindeutig irrelevant. Er hätte seine Abhängigkeit von dem Weltbild, das ihm vermittelt wird und an dem er hängt wie ein unselbständiges Kind, aufgeben müssen, und dann wäre etwas in ihm zerbrochen.

Ich sah also quasi hinter die Kulisse des Politischen, hinter die Kulisse der Struktur, die in die Köpfe der Bürger gepflanzt wird. Wenn einer nicht selbst zu denken beginnt, wenn er nicht zu hinterfragen und sich seine eigenen Aufschlüsse zu bilden beginnt, bleibt er Spielball derjenigen, die ihn programmieren und konditionieren. Und der Impuls, aus diesem Gefängnis auszubrechen, muß aus einem selbst kommen. Es ist aber falsch, grundfalsch, nur deshalb zu schweigen, weil immer noch viele, wahrscheinlich die meisten, unserer Mitbürger ebendieses innere Gefängnis sicherer und verläßlicher finden. Es ist falsch, grundfalsch, deswegen zu resignieren und zu verstummen. Jeder, der sich ein Stück hin zu eigener innerer Unabhängigkeit vorgearbeitet hat, kann und sollte sich auch mitteilen, und zwar unabhängig davon, ob sein Gegenüber das bestätigt oder nicht. Denn diejenigen, die schon ein Stück freier geworden sind, sind wichtig. Sie sind Gold wert. Aber das müssen sie in sich selbst herausgefunden haben. Dann sind sie auch unabhängig von einer Bestätigung durch Andersdenkende geworden.

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