Wertperspektive

Vom Falschgeldsystem zu echten Werten

Tagebuch

Bild GLRVon GLR | 15.9.2017 17:00

Marcel Proust beschreibt in seinem Werk "Auf der Suche nach dem Wunderbaren" (meine Ausgabe: Band 2: Im Schatten junger Mädchenblüte, Suhrkamp 2011, ab S. 576) die erste Begegnung seines Alter Egos Marcel (der Ich-Erzähler) und seines Freundes Robert de Saint-Loup mit dem Maler Elstir. Die beiden jungen Männer wundern sich bei dieser Kontaktaufnahme darüber, daß der Maler, den sie bereits für einen großen Künstler halten, obwohl sie noch keines seines Werke gesehen haben, dermaßen ausführlich auf sie eingeht. Proust spricht über Einsamkeit und Verzicht als Attribute eines Schaffenden. Dem Maler geht es nicht darum, beim Publikum als etwas Besonderes zu gelten, sondern Schaffen und Geben ist so sehr seine Natur, daß er auch sich selbst als Mensch gibt und dadurch eine bemerkenswerte Liebenswürdigkeit ausstrahlt. Er baut keine Barriere zum Nebenmenschen auf, wie es ein eitler Selbstdarsteller täte, dem es auf seinen Ruf, sein Image, seine gesellschaftliche Rolle ankäme, sondern er verringert noch vorhandene Barrieren, vor allem Verständnisbarrieren. Er bereichert andere durch sein bloßes Wesen, statt sich bereichern zu wollen.

Es sind diese Passagen bei Proust, die ich weniger als Literatur oder Kunstprodukt empfinde, sondern stattdessen als fast schon wissenschaftlich nüchterne, rein auf das Faktische hin orientierte Mitteilungen innerer Vorgänge und ihres Wirkens im äußeren Leben. Nicht nur wie bei einer Kamera, sondern wie bei einem hochauflösenden Mikroskop. Entweder man hat, was er beschreibt, schon selbst auf ebendiese Weise, die man nun voll bestätigt findet, erlebt, oder man wird durch ihn auf Feinheiten und Nuancen aufmerksam gemacht, die einem im oberflächlichen Alltagstrott entgangen sind. Aber sie sind da. Weil das menschliche Gehirn, das menschliche Empfinden und Gefühl genau so funktioniert. Es ist nicht ausgedacht, nicht zurechtfantasiert, sondern es ist ganz und gar wahr.

Für mich ist das tröstlich. Manchmal elektrisiert es mich auch, und ich verspüre dann den Impuls, jeden, den ich kenne, darauf hinzuweisen: Das mußt du auch lesen! (Oder, wie ich es tue, als Höraufnahme, gelesen von Peter Matic, miterleben.) Ich plädiere dafür, das Thema Literatur (oder gar Weltliteratur), all das Schön- und Hochgeistige und den üblichen intellektuellen Dünkel ganz zu vergessen. Wahrscheinlich ist das sogar die Voraussetzung, um sich auf eine eigene echte Erkundung der von Proust vorgezeichneten Beobachtungen und Durchdringungen überhaupt einlassen zu können. Es ist auch unwichtig, wieviel man liest (oder hört), und auf wieviel das dann in der Summe hinausläuft. Es ist einfach ein Eintauchen in diese Art von intensiverer Wirklichkeitserfahrung und so gesehen in eine Welt für sich, die mir um einiges wirklicher und vielfältiger vorkommt als die Welt der üblichen Normalität.

Es kann einem auch passieren, daß man sich dann erst verstanden fühlt, weil das, was man hier in Worten ausgedrückt findet, noch von niemand anderem als eigene Erfahrung bestätigt worden ist. (So geht es mir jedenfalls.) Aber hier ist zumindest noch einer, nämlich der Autor Marcel Proust.


Erfahrungen und Eindrücke nehmen bei mir in letzter Zeit eine völlige Gleichberechtigung an, und das reicht nicht nur in Träume oder in eine Literaturerfahrung wie die obige hinein, sondern auch in Erinnerungen und aktuelle Alltagserlebnisse. Beispielsweise kommen mir bestimmte Erinnerungen meiner letzten Berlin-Reise oder der Besuch bei Leuten vor einigen Wochen wie direkt im Jetzt erlebte Dinge vor und genauso real, wie wenn ich jetzt vor mich hinschaue. Oder sogar noch direkter. An geträumte Landschaften erinnere ich mich sogar noch Wochen später mindestens so plastisch, als hätte ich sie soeben als tatsächliche Eindrücke empfunden. Im Gehirn gibt es einen Fundus solcher markanter Situationen. Als würde ich in mehreren Welten zugleich leben und könnte hin- und herschalten wie bei einem mit vielen Kanälen ausgestatteten Fernseher.

Auf der anderen Seite wirkt nichts davon wirklich real; es sind tatsächlich alles nur Bilder, nur Erscheinungen, nur Szenerien. Keine davon wichtiger oder unwichtiger als die andere. Auch das, was jetzt passiert, ist nicht davon verschieden.


Offenheit ist erst möglich, wenn Eindrücke nicht mehr bewertet (in angenehm oder unangenehm differenziert) werden. Dann haben sie eine bestimmte Qualität: ihre eigene, also die, die sie von sich aus haben; ihren eigenen Geschmack, ihre eigene Färbung, ihren eigenen Tonfall. Dies zuzulassen führt unmittelbar zu mehr Offenheit. Ein Nebeneffekt davon ist, daß dann der Verstand nicht mehr mit neuer Energie versorgt wird und dazu Gedankenketten, Wünsche oder Befürchtungen, manchmal auch Träumereien, jedenfalls Reflexionen dazu bildet. Er wird an der Wurzel ausgetrocknet. Die Dinge sind, wie sie sind, und dazu gibt es nichts mehr zu denken. Sondern die Dinge sind nur noch in ihrer jeweiligen Eigenart wahrzunehmen. Das, und nur das, ist Wachheit und Bewußtheit. Es gibt nichts mehr zwischen mir und den Dingen.

Der Zustand, der sich dann einstellt, erinnert mich an vieles in der Kindheit. Als ich noch ebenso offen war. Als Schmerzen einfach Schmerzen waren; als Glück einfach Glück war.

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